Der Aufbau des eigenen 1&1 Mobilfunknetzes ist eine der größten Wetten, die der deutsche Telekommunikationsmarkt in den vergangenen Jahren gesehen hat. Aus der Frequenzauktion 2019 ist ein jahrelanger Hindernislauf geworden – mit technischen Experimenten, Lieferproblemen, politischen Fehlentscheidungen und gleich mehreren Neustarts. Stand März 2026 steht das Open-RAN-Netz von 1&1 so stabil wie nie zuvor – bleibt aber leistungsmäßig und bei der Flächenabdeckung deutlich hinter Telekom, Vodafone und o2 zurück.
Mit der 5G-Frequenzauktion 2019 sicherte sich United Internet erstmals eigene Spektren und damit die Eintrittskarte zum Status eines echten Netzbetreibers. Die Bundesnetzagentur knüpfte daran jedoch harte Auflagen: 1.000 aktive 5G-Standorte bis Ende 2022, 25 Prozent Haushaltsabdeckung bis Ende 2025 und 50 Prozent bis 2030. Schon auf dem Papier stand fest, dass 1&1 die Fläche zunächst nicht aus eigener Kraft würde abdecken können – die vergebenen Frequenzbänder eigneten sich vor allem für Städte, während Low- und Midband-Spektrum für die Fläche fehlte.
1&1 setzte früh auf ein radikales Architekturkonzept: Ein cloudnativer 5G-Standalone-Kern, gesteuert über Open-RAN-Technik des Partners Rakuten, verteilt auf vier zentrale Core-Rechenzentren und Hunderte Edge-Standorte, die per Glasfaser von 1&1 Versatel angebunden werden. Theoretisch sollte das mehr Flexibilität, sinkende Betriebskosten und geringeren Energieverbrauch bringen als klassische, monolithische Netze. In der Praxis zeigte sich allerdings, wie schwer es ist, ein solches Design unter Realbedingungen und parallel zum Kundenbetrieb hochzuziehen – gerade wenn Netzkomponenten, Antennenstandorte und Glasfaserzuführungen gleichzeitig entstehen müssen.
Die wohl kritischste Schwachstelle im Aufbauplan zeigte sich beim Thema Antennenstandorte: Der Großteil der geplanten Masten sollte über die Funkturm-Tochter Vantage Towers von Vodafone kommen – ein Partner, der zugleich mit 1&1 im Netzausbau im Wettbewerb steht. Rückblickend war das ein strategisches Risiko: Ende 2022 standen statt der geforderten 1.000 aktiven 5G-Basisstationen lediglich fünf Standorte im Netz, was das erste Ausbauziel spektakulär verfehlen ließ und ein Bußgeldverfahren der Bundesnetzagentur nach sich zog. 1&1 machte dafür „anhaltende Lieferengpässe“ und Verzögerungen bei Vantage Towers verantwortlich – das Bundeskartellamt leitete 2023 eine Prüfung ein, ob Vodafone den Neueinsteiger über seine Funkturmtochter aktiv behindert hat. Eine abschließende Entscheidung steht bis heute aus.
Für 1&1 war das mehr als nur ein Imageschaden: Das Projekt verlor wertvolle Zeit, der geplante Start eigener Mobilfunktarife musste mehrfach verschoben werden, und das Unternehmen blieb länger als geplant als MVNO von fremden Netzen abhängig. Ironischerweise mündete der Konflikt nicht in einem Bruch, sondern in einer neuen Rolle Vodafones: 2023 einigten sich beide Firmen auf ein National-Roaming-Abkommen, das die ursprüngliche Kooperation mit o2 schrittweise ablöste und 1&1-Kunden über das Vodafone-Netz absichert, solange das eigene Open-RAN-Netz noch Lücken aufweist.
Parallel zum Ausbau begann 1&1 ab Ende 2023 damit, erste Kundinnen und Kunden direkt ins eigene 5G-Standalone-Netz zu bringen, zunächst mit dem Festnetzersatzprodukt „1&1 5G zu Hause“, später auch mit mobilen Tarifen. Doch im Mai 2024 zeigte sich, wie fragil der noch junge Netzverbund war: Ein fehlgeschlagenes Software-Update legte das Mobilfunknetz für mehrere Tage lahm – ein Super-GAU in einer Phase, in der 1&1 dringend Vertrauen aufbauen musste. Die anschließende Analyse brachte ans Licht, dass die Ausstattung der ersten beiden Core-Rechenzentren deutlich unterdimensioniert war.
Im Sommer 2024 mussten diese Rechenzentren aufwendig nachgerüstet werden, was den Hochlauf der Kundenmigration über mehrere Wochen stark ausbremste. Erst im November 2024 gingen die beiden letzten Core-Standorte ans Netz, sodass die geplante Architektur mit vier zentralen Rechenzentren und inzwischen über 300 Far-Edge-Standorten voll einsatzfähig war. Laut 1&1 ermöglicht dieser Aufbau in Verbindung mit Open-RAN eine deutlich effizientere Nutzung von Rechen- und Funkressourcen – mit einem vom TÜV Rheinland bestätigten Energieeffizienzvorteil von bis zu dreißig Prozent gegenüber konventionellen Netzen.
Auch regulatorisch blieb der Weg alles andere als gradlinig: Im August 2024 kassierte das Verwaltungsgericht Köln die 5G-Frequenzauktion von 2019 rückwirkend, weil die Bundesnetzagentur damals auf eine Diensteanbieterverpflichtung verzichtet hatte, die kleineren Marktteilnehmern einen diskriminierungsfreien Netzzugang gesichert hätte. Politisch brisant: Laut Gericht geschah dieser Verzicht auf unzulässigen Druck aus dem Bundesverkehrsministerium unter Andreas Scheuer. Für 1&1 hatte der Richterspruch zunächst eine positive Konsequenz: Das Bußgeldverfahren wegen des verfehlten Ausbauziels 2022 wurde von der Bundesnetzagentur eingestellt.
Gleichzeitig verpasste 1&1 eine wichtige strategische Chance: Die erhoffte Neuvergabe von Low- und Midband-Frequenzen für mehr Flächenabdeckung kam nicht über eine Auktion – die Bundesnetzagentur entschied sich im März 2025 stattdessen für eine schlichte Verlängerung der bestehenden Zuteilungen um fünf Jahre. Damit bleibt 1&1 beim für die Fläche besonders wichtigen Spektrum weiter von den etablierten Netzbetreibern abhängig, die zwar zur Verhandlung über Nutzungsrechte verpflichtet sind, nach Aussage von 1&1 aber bis heute keine ernstzunehmenden Angebote vorgelegt haben. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte Ende 2025 das Kölner Urteil zur Rechtswidrigkeit der ursprünglichen Auktion – an der strukturell schwächeren Spektrum-Position von 1&1 ändert das jedoch vorerst nichts.
Im März 2026 kann 1&1 erstmals eine echte Erfolgsbilanz vorweisen: Die Kundenmigration ins eigene Netz wurde im November 2025 erfolgreich abgeschlossen, die 25-Prozent-Versorgungsauflage kurz vor Weihnachten 2025 pünktlich erfüllt, und das Unternehmen gilt damit regulatorisch als wettbewerblich unabhängiger Netzbetreiber. Für 2026 rechnet 1&1 wieder mit einem spürbaren Kundenwachstum im sechsstelligen Bereich – nachdem die Kundenzahlen im Vorjahr durch den Verlust vieler Altverträge während der Migration kaum gewachsen waren. Der Netzausbau schreitet aktuell kontinuierlich voran, und Branchenbeobachter attestieren dem Open-RAN-Netz deutlich bessere Qualitätswerte als noch in der turbulenten Frühphase.
Das größte ungelöste Problem bleibt die Flächenabdeckung: Wer außerhalb der bisher versorgten städtischen Gebiete lebt oder reist, ist weiterhin auf das Vodafone-Roaming angewiesen. Ohne eigenes Low- und Midband-Spektrum wird 1&1 dieses strukturelle Defizit kaum aus eigener Kraft schließen können – die laufenden Verhandlungen mit den Mitbewerbern über Frequenznutzungsrechte sind daher eine der drängendsten Baustellen des Jahres 2026. United Internet-Chef Ralph Dommermuth gab bei der Präsentation der aktuellen Jahreszahlen dennoch die Richtung vor: „Wir sind aus dem Schlimmsten draußen. Warum sollten wir jetzt das Unternehmen verkaufen, die Party hat ja noch gar nicht begonnen.“ Ob sich die milliardenschwere Wette auf Open-RAN langfristig rechnet, wird sich spätestens in der nächsten Ausbaustufe bis 2030 zeigen.
Schreibe einen Kommentar