Wer in Deutschland schnell eine Prepaid-Karte im Supermarkt mitnehmen will, landet spätestens an der Kasse auf dem Boden der Tatsachen: Ohne Ausweis und Video- oder Post-Ident-Verfahren geht seit der Verschärfung des Telekommunikationsgesetzes (§ 111 TKG) nichts mehr. Die vollständige Anonymität ist hierzulande längst Geschichte. Wir werfen einen Blick auf die Gesetzgebung in Deutschland und schauen uns an, welche Möglichkeiten Nutzer haben, mit Dienstleistern aus dem EU-Ausland einige strenge Regulierungen zu umgehen.
Der Gesetzgeber in Deutschland begründet die Maßnahmen mit der Terrorismusbekämpfung und Strafverfolgung. Die Anbieter sind verpflichtet, die Identität des Nutzers per Video-Ident, Post-Ident oder direkt im Shop zu überprüfen, bevor die Karte ans Netz geht. Für viele Nutzer, die einfach nur ihre Daten schützen wollen, ist das ein Dorn im Auge.
Nicht überall in Europa ist das anonyme Nutzen von Sim-Karten so streng reguliert. Ein Blick auf andere Länder zeigt größtenteils ein anderes Bild. In den Niederlanden, Portugal, Tschechien oder auch in Großbritannien beispielsweise ist der Erwerb von Prepaid-Karten deutlich unkomplizierter und auch ohne sofortige Registrierung möglich. Dank der EU-Roaming-Verordnung („Roam like at Home“) lassen sich Karten aus EU-Ländern grundsätzlich auch in Deutschland nutzen, ohne dass extra Gebühren anfallen.
Technisch versierte Nutzer wissen, dass eine EU-Sim-Karte keine Dauerlösung ist. Die EU-Regelung erlaubt den Anbietern eine „Fair Use Policy“. Wer seine ausländische SIM-Karte fast ausschließlich in Deutschland nutzt (über einen Zeitraum von meist 4 Monaten), riskiert Aufschläge oder eine Sperrung. Es bleibt also ein Katz-und-Maus-Spiel.
Nicht nur im Mobilfunk werden Kunden in Deutschland immer gläserner. Daher ist die Suche nach weniger streng regulierten Alternativen im EU-Ausland ein stark wachsender Trend im digitalen Raum. Nutzer weichen zunehmend auf internationale Anbieter aus, wenn ihnen deutsche Restriktionen zu weit gehen.
Man sieht das beispielsweise auch im Glücksspielbereich, wo User gezielt in einem Casino ohne Sperrdatei spielen, um sich anonym registrieren und ohne 1-Euro-Limit pro Spin spielen können. Auch bei GEO-Blocking für Originalinhalte bei Streaming-Anbietern wie Netflix oder Disney+ sehen wir einen ähnlichen Trend. Während viele Originalinhalte hierzulande geblockt sind, stehen sie in anderen Ländern häufig frei und sogar früher zur Verfügung.
Altbekannte Vorteile eines physischen Grenzübertritts (der Kaffee aus Luxemburg oder freiverkäufliche Medikamente aus der niederländischen Drogerie) finden sich zunehmend auch im digitalen Raum wieder. Je gläserner der Kunde hierzulande wird, je strenger die Gesetze in Deutschland werden und je restriktiver Dienstleistungen hierzulande reguliert sind, desto interessanter werden Alternativen. Das EU-Recht eröffnet mit der Dienstleistungsfreiheit und dem EU-Auslandsroaming glücklicherweise viele Freiräume, die das deutsche Recht verschlossen hat.
Auch der digitale Grenzübertritt bietet keinen hundertprozentigen Schutz vor Datenerfassung. Wer glaubt, mit einer niederländischen SIM-Karte in Deutschland völlig unsichtbar zu sein, unterliegt einem Trugschluss.
Zwar ist der Name des Inhabers nicht direkt in einer deutschen Datenbank hinterlegt, doch technische Metadaten fallen trotzdem an. Sobald sich die ausländische SIM-Karte in das deutsche Mobilfunknetz per Roaming einbucht, wird die IMEI-Nummer des Geräts und der Standort an den jeweiligen deutschen Netzbetreiber übermittelt. Für Ermittlungsbehörden ist es über Bewegungsprofile oft dennoch möglich, Rückschlüsse auf den Nutzer zu ziehen. Auch wenn der Weg dorthin etwas steiniger ist als bei einer registrierten deutschen Nummer. Datenschutz im Mobilfunk ist daher nie absolut, sondern immer eine Frage der Hürdenhöhe.
Eine Entwicklung, die den starren deutschen Markt derzeit aufmischt, ist der Aufstieg der eSIM-Technologie. Wer nicht zwingend eine klassische deutsche Rufnummer für herkömmliche Anrufe benötigt, sondern primär mobiles Internet sucht, findet hier unbürokratische Auswege.
Internationale eSIM-Provider bieten über Apps reine Datentarife für Deutschland an, die meist ohne aufwendige Identitätsprüfung buchbar sind. Der Kauf erfolgt digital, die Aktivierung per QR-Code, ganz ohne Post-Ident. Der Haken dabei: Man erhält keine +49-Rufnummer. Die Kommunikation muss also vollständig auf Messenger wie WhatsApp, Signal oder Telegram verlagert werden. Für Datenschutz-Puristen ist dies jedoch ein akzeptabler Kompromiss. Man tauscht die klassische Telefonie gegen eine sofort verfügbare Verbindung ohne den Zwang zur behördlichen Erfassung.
Wer absolute Anonymität sucht, wird in Deutschland kaum noch fündig und muss den bürokratischen Aufwand der Legitimierung in Kauf nehmen. Ausländische Karten sind eine interessante Nische für Technik-Fans und Grenzgänger, für den dauerhaften Einsatz im deutschen Alltag aufgrund der Roaming-Klauseln aber oft nur bedingt geeignet.